Ein Diener führte sie durch Gänge und Säle zu dem Burgherrn, der sich majestätisch auf einem Diwan räkelte. "Ich habe dich erwartet." Stolzen Hauptes ging sie auf ihn zu und erwiederte : "Ihr habt mir den Vater genommen, nichts könnt ihr mir nun mehr tun."
Der Herr fand Respekt vor dem Mut des Mädchens und sagte: "Geh hinaus in die Nacht und bring mir Blumen. Findest du keine, so sollst du mir gefügig sein oder ich lasse das Dorf niederbrennen. Bringst du`s fertig, so werd ich dir die Freiheit schenken." Und das Mädchen ging, wollt sie doch frei sein.
Zitternd stand sie in dem meterhohen Schnee, wo sollt sie nur Blumen finden? Sie eilte durch das Dorf zum Grab des Vaters und begann bitterlich zu weinen. Die Tränen suchten sich den Weg ins Erdreich und ward wie ein Same, sie dehnten und öffneten sich. Als die Sonne am nächsten Morgen blas über das Grab stieg, da standen da eine Handvoll weißer Blumen.
Vor lauter Freude eilte sie zur Burg, wo ihr die Diener auch gleich öffneten und brachte dem Herrn die frischen Blumen. Wie sein Gesicht da voll Röte anschwoll - "Du stehst mit den Hexen im Bunde!". Sie erwiederte nur: "Der Boden hat sie mir geschenkt, der die guten Menschen nicht verläßt und der unser ist, oh Herr." Dieser aber mußte sie gehen lassen, hatte er doch sein Wort gegeben.
Von nun an wurde in dem kleinen Dorfe Weihnachten ausgiebig gefeiert, brachte es doch die Hoffnung auf ein schöneres Leben. In vielen Fenstern kann man seither die weißen Weihnachtsblumen sehen, die den Schutz vor Bösem und Häßlichem bieten und den Frieden der Nacht wahren. |