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Einst lebte ein Kuhhirt im Harz, der Tag für Tag seine Kühe auf eine der saftigen Bergwiesen trieb. Hier fand er Ruh und konnt an einen Baum gelehnt beim Lauschen der Natur schnell in einen tiefen Schlaf fallen. "Wie wär es doch, wenn man keine Sorgen mehr hätt. Man arbeitet Jahr für Jahr und trotzdem wird man nicht reich. Ach, wenn ich reich wär, würd ich ..." - dacht er noch und schon fielen ihm die Augenlieder zu.
Eines Tages, als er es sich wieder einmal unter seinem Lieblingsbaum bequem machte, vernahm er eine so zarte Stimme im Singsang, wie er sie nie zuvor gehört. Er richtete sich verwundert auf und sah ein wunderschönes Mädchen, das nicht weit von ihm auf der Wiese stand und Gras mähte. Ihre Haare hingen wie ein güldener Schleier auf den Schultern und ihr Kleid leuchtete in einem hellen Blau. Er beschloß sie zu fragen, wer sie sei und woher sie komme. Ob seiner Schüchternheit jedoch blieb er liegen und erfreute sich an ihrem Anblick und dem Klang ihrer Stimme.
Als es dämmerte, trieb er seine Kühe zusammen und lief zu ihr, doch sie war wie von Geisterhand verschwunden. An ihrer Stell jedoch lag im Gras ein Goldstück und der Hirte steckte es ein. "Ich will es nehmen und es ihr morgen wiedergeben."
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Am anderen Tag trieb er seine Kühe wieder den Berg hinauf und erblickte abermals das Mädchen. Er lauschte ihm den ganzen Tag lang und fand am Abend wieder ein Goldstück an ihrer statt.
So ging das nun jeden Tag, bis sie eines schönen Herbsttages auf ihn zutrat und zu ihm sagte: "Wir haben uns oft gesehn, nun aber will ich dich bitten, mir eine Freude zu machen! Ich bin eine verzauberte Jungfrau und hütte die Berge seit vielen Jahrhunderten. In ein paar Tagen ist Vollmond, dann komme ans Ende des Tals und klopfe mit deinem Stock an den Fels. Er wird sich öffnen und du wirst mich am Boden liegend finden. Küss mich dreimal auf die Stirn und ich werde frei sein!" - und schon war sie wieder verschwunden.
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Der Hirte glaubte, er hätte geträumt, doch gingen ihm ihre Worte nicht mehr aus dem Kopf. Er schlief nachts auf seinem Lager recht schlecht und bekam furchtbar Angst vor jener Nacht. Zweifel plagten ihn und Selbstvorwürfe seiner Feigheit wegen, hatte er nicht auch ihre Goldstücke eingesteckt?
Als die Vollmondnacht endlich kam und das fahle Mondlicht wie Silberfäden durch die Tannen geisterte, da zog er die Decke noch fester über den Kopf und versteckte sich. Sein Herz schlug die halbe Nacht lang wie wild und er fand keine Ruh. Am Morgen trieb er seine Kühe nicht wie gewöhnlich auf den Berg, sondern das Tal hinab auf eine andere Wiese, wollt er doch um keinen Preis das Mädchen sehn.
Am letzten Weidetag des Jahres vernahm er wieder ihr sinnliches Singen und als er sich umsah, stand sie mit Tränen im Gesicht vor ihm. "Du hättest mich erlösen können. Nun muß ich immerfort dem Berg dienen. Ein Mensch der keinen Mut hat, ist wie die Sonne ohne Licht. Nun mußt du bis zu deinem Tode Kühe hütten und wirst niemals Glück haben, denn dies offenbart sich nur dem Tapferen." - und das Mädchen verschwand.
Der Hirte jedoch fand ein letztes Goldstück und hielt es sein Leben lang in Ehren. Manchmal, wenn er einsam auf der Wiese saß, holte er es aus der Tasche hervor. "Wenn er doch damals nur den Mut aufgebracht hätt, was wär dann aus ihm geworden?" Seit jenem Tag aber fürchtete er sich vor nichts mehr, trieb die Wölfe weg und half jedem, der sich in Not befand. Es war, als wollt er mit Mut und Tapferkeit die frühere Feigheit auslöschen. Und so lebte er bis ans Ende seiner Tage, arm und immer auf der Suche nach einer guten Tat.
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