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Einst entsprang einem kleinen Berg im Süden des Harzes eine Quelle, dessen Wasser so klar war, daß sich in einem Tropfen der ganze Wald spiegelte. Eines Tages kam ein Mädchen hierher, das sich verlaufen hatte.
Die Quelle
der Wahrheit
Böse Soldaten hatten ihr die Augen ausgestochen und so vermochte sie die Reinheit des Wassers nur zu spüren. Als sie ihre Augen mit ein paar Tropfen benetzte, da wuchsen ihr neue Augen, die so hell wie der Tag waren. Da weinte das Mädchen vor lauter Freude und rannte was das Zeug hielt nach Hause.

Als sie dort ankam, erschraken die Soldaten gewaltig, flüchteten und ließen sich niemals mehr in dem Dorf sehen. Das Mädchen aber konnte von nun an Unrecht von Recht unterscheiden und wurde ihres Lebens nicht mehr froh. Überall um sie herum gewahrte sie Trauer und Leid, aber dem Recht begegnte sie selten. So weinte sie schwermütig, ihre Augen jedoch wurden noch klarer und heller.

Waldleben
Eines Tages kam ein Jüngling des Weges. Als er das schöne Mädchen erblickte, fragte er sie, warum sie denn solch großen Kummer im Herzen trage. Sie erzählte ihm von ihrer Geschichte und der Jüngling beschloß, zur Quelle zu gehen.

Dort wolle er einen Krug mit Wasser füllen und ihn allen Menschen bringen, damit sie daraus trinken könnten. Dann würde bald das ganze Unrecht vergessen werden und alle währen froh und heiter, und vielleicht würde er so das Herz des Mädchens im Sturm erobern.

Gesagt, getan. Der Bursche eilte mit einem Krug zur Quelle, füllte ihn reichlich auf und machte sich auf den Weg, die Welt zu ändern. Er gab allen davon zu trinken, die seinen Weg kreuzten.

Eines Tages kam er in ein fremdes Dorf. Auch hier wollte er allen sein kostbares Wasser geben, doch da stellte sich ihm ein wilder Raufbold in den Weg. "Wein wolln wir, und sonst nix! Hau ab, sonst stech ich dich ab, wie ein Schwein!" Doch der Junge wollte nicht gehen und gerade diesem Rüpel sein Wasser geben. Da stach dieser mit seinem Messer zu und der Jünglin fiel tod zu Boden.

Als man seinen Leichnam zurück zu dem Mädchen brachte, erstarb ihr Lächeln. Pure Bleichheit ward ihr ins Gesicht geschrieben und fortan brachte sie kein Wort mehr über ihre Lippen.

All jene aber, die von dem klaren Quellwasser getrunken hatten, hielten das Recht von nun an in Ehren. Und so kann man heute noch im Harz viele Menschen finden, die Recht von Unrecht unterscheiden können.